Im Praxisalltag erleben wir immer wieder Situationen, in denen wir das Verhalten anderer interpretieren. Wir wundern uns, ärgern uns vielleicht oder fragen uns, warum jemand nicht so handelt, wie wir es erwarten würden.

Dabei steckt hinter einem Missverständnis oft gar keine böse Absicht.

Manchmal fehlt einfach eine entscheidende Information.

Eine Situation aus meinem Praxisalltag

Vor Kurzem schrieb mir eine Mitarbeiterin, die sich gerade in einer Bobath-Fortbildung befand. Für ihre Projektarbeit benötigte sie noch ein Video. Für diese Arbeit hatte sie die Behandlungen meiner Mutter dokumentiert. Da meine Mutter wenige Tage später in den Urlaub fahren wollte, fragte ich am nächsten Tag nach, ob das Video inzwischen aufgenommen worden sei und ob ich noch etwas organisieren oder unterstützen könne.

Ich wusste, dass die Zeit knapp wurde und wollte helfen.

Erst einige Nachrichten später schrieb sie mir:

„Ich konzentriere mich im Moment eigentlich nicht mehr auf die Projektarbeit, da morgen meine praktische Prüfung ansteht.“

In diesem Moment wurde mir klar, dass wir beide mit unterschiedlichen Prioritäten in das Gespräch gegangen waren.

Ich war gedanklich bei der Projektarbeit.

Sie war gedanklich längst bei ihrer praktischen Prüfung.

Hätte ich das von Anfang an gewusst, hätte ich sie mit dem Video in Ruhe gelassen.

Wir ergänzen fehlende Informationen automatisch

Unser Gehirn mag keine Lücken. Fehlen Informationen, füllen wir sie mit unseren eigenen Erfahrungen und Annahmen.

Das geschieht völlig unbewusst.

Wir denken beispielsweise:

  • Die Kollegin meldet sich nicht – sie hat das Thema wahrscheinlich vergessen.
  • Der Mitarbeiter antwortet knapp – vielleicht ist er verärgert.
  • Die Patientin sagt den Termin kurzfristig ab – vermutlich nimmt sie die Therapie nicht ernst.

Dabei kennen wir oft nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Situation.

Im Praxisalltag passiert das täglich

Gerade in therapeutischen Praxen laufen viele Informationen gleichzeitig zusammen. Termine müssen koordiniert, Patientinnen und Patienten versorgt, Mitarbeitende begleitet und organisatorische Aufgaben erledigt werden.

Unter Zeitdruck treffen wir schnell Annahmen.

Das spart zwar Zeit, erhöht aber gleichzeitig das Risiko von Missverständnissen.

Eine Frage, die vieles verändern kann

Es lohnt sich, sich zwischendurch immer wieder einmal zu fragen:

Welche Information fehlt mir vielleicht gerade noch?

Allein diese Frage verändert den Blickwinkel.

Sie hilft dabei, neugierig zu bleiben, statt vorschnell zu urteilen.

Oft genügt eine kurze Nachfrage, um eine Situation völlig neu verstehen zu können.

Kommunikation beginnt mit Interesse

Gelungene Kommunikation bedeutet nicht, immer sofort die richtige Antwort zu haben.

Oft beginnt sie mit dem ehrlichen Interesse daran, die Sichtweise des anderen zu verstehen.

Denn manchmal verändert ein einziger Satz den Blick auf eine ganze Situation.

Was sonst noch dazu beitragen kann, dass Missverständnisse entstehen und wie du dem vorbeugen kannst, ist Thema in meinen Kommunikationstrainings und Inhouse-Seminaren für therapeutische Praxen im deutschsprachigen Raum.