Gute Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten zu finden, ist für viele Praxen eine Herausforderung. Entsprechend viel Energie fließt in Stellenanzeigen, Bewerbungen und die Suche nach neuen Teammitgliedern. Dabei lohnt es sich, eine andere Frage mindestens genauso ernst zu nehmen: Was können Praxisinhaber tun, damit ihre vorhandenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne bleiben?
Natürlich spielen das Gehalt, die Arbeitszeiten und die Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle. Doch ob jemand sich in einer Praxis wohlfühlt, hängt auch davon ab, wie die Zusammenarbeit erlebt wird. Werden eigene Ideen gehört? Sind Entscheidungen nachvollziehbar? Und kann man Schwierigkeiten ansprechen, ohne gleich einen Konflikt auszulösen?
Gerade hier hat Kommunikation einen großen Einfluss auf die Mitarbeiterbindung.
Zufriedenheit zeigt sich nicht daran, dass niemand etwas sagt
„Bei uns ist eigentlich alles in Ordnung. Es beschwert sich jedenfalls niemand.“
Das klingt zunächst beruhigend. Nur bedeutet Schweigen nicht automatisch Zufriedenheit.
Vielleicht ärgert sich eine Mitarbeiterin schon länger über bestimmte Abläufe. Ein Kollege würde gerne mehr Verantwortung übernehmen, hat aber den Eindruck, dass seine Vorschläge nicht gefragt sind. Und jemand anderes wünscht sich mehr Rückmeldung zur eigenen Arbeit.
Solche Dinge werden nicht immer offen angesprochen. Manchmal fehlt im Praxisalltag die Gelegenheit dazu. Manchmal möchten Mitarbeiter auch nicht als schwierig gelten.
Wer gute Mitarbeiter halten möchte, sollte deshalb nicht darauf warten, dass jemand mit einer Beschwerde oder sogar einer Kündigung vor der Tür steht.
Wertschätzung braucht mehr als freundliche Worte
Ein gelegentliches „Danke, ihr macht das toll!“ tut gut. Noch wertvoller wird Anerkennung, wenn sie konkret ist.
Stell dir vor, eine Therapeutin hat ein schwieriges Gespräch mit einem Patienten geführt. Statt eines allgemeinen Lobes könnte der Praxisinhaber sagen:
„Mir ist aufgefallen, wie ruhig du geblieben bist und wie verständlich du die Situation erklärt hast. Das war sicher nicht einfach.“
Damit wird deutlich, dass die Leistung tatsächlich wahrgenommen wurde.
Wertschätzung zeigt sich allerdings nicht nur durch Lob. Auch wer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach ihrer Meinung fragt, Absprachen einhält und Entscheidungen verständlich erklärt, vermittelt: Du bist mir wichtig, und ich nehme dich ernst.
Dabei haben Menschen unterschiedliche Bedürfnisse. Was die eine Mitarbeiterin als besonders wertschätzend erlebt, ist für einen anderen vielleicht weniger bedeutsam. Es lohnt sich also, gelegentlich nachzufragen, statt einfach davon auszugehen, dass alle dasselbe brauchen.
Wer Verantwortung trägt, möchte auch mitgestalten
Therapeutinnen und Therapeuten treffen täglich fachliche Entscheidungen und übernehmen Verantwortung für ihre Patienten. Wenn sie bei organisatorischen Fragen dagegen kaum mitreden dürfen, kann das auf Dauer unzufrieden machen.
Natürlich muss der Praxisinhaber nicht jede Entscheidung gemeinsam mit dem Team treffen. Er trägt schließlich die unternehmerische Verantwortung. Trotzdem gibt es viele Gelegenheiten, Mitarbeiter einzubeziehen: bei Praxisabläufen, Teamsitzungen, der Einarbeitung neuer Kollegen oder der Frage, wie sich wiederkehrende Schwierigkeiten lösen lassen.
Nicht jede Idee muss umgesetzt werden. Wichtig ist, dass Mitarbeiter erleben, dass ihre Gedanken gehört und ernst genommen werden. Und wenn etwas nicht möglich ist, hilft eine verständliche Erklärung oft mehr als ein knappes Nein.
Gute Mitarbeitergespräche beginnen mit ehrlichem Interesse
Im Praxisalltag wird viel gesprochen, häufig allerdings zwischen Tür und Angel. Für organisatorische Fragen reicht das meistens. Um herauszufinden, wie zufrieden jemand mit seiner Arbeit ist, braucht es manchmal einen anderen Rahmen.
Dafür müssen Mitarbeitergespräche nicht kompliziert sein. Schon Fragen wie „Was läuft für dich gerade richtig gut?“, „Was erschwert dir die Arbeit?“ oder „Was würdest du gerne verändern?“ können interessante Antworten bringen.
Entscheidend ist, dass die Praxisinhaberin oder der Praxisinhaber anschließend auch etwas mit diesen Antworten macht. Nicht jeder Wunsch lässt sich erfüllen. Aber eine Rückmeldung sollte es geben.
Genauso wichtig ist es, unangenehme Themen freundlich und klar anzusprechen. Wenn Vereinbarungen nicht eingehalten werden oder Aufgaben dauerhaft ungleich verteilt sind, belastet das irgendwann die Zusammenarbeit. Eine gute Teamkultur entsteht nicht dadurch, dass alle schwierigen Gespräche vermieden werden.
Mitarbeiterbindung beginnt im täglichen Miteinander
Ich habe viele Jahre selbst als Physiotherapeutin gearbeitet und kenne den eng getakteten Praxisalltag. Wenn ein Termin auf den nächsten folgt, geraten Gespräche über Zusammenarbeit, Wünsche und Erwartungen leicht in den Hintergrund.
Dabei sind es oft die kleinen Situationen, die darüber entscheiden, wie Menschen ihren Arbeitsplatz erleben: Hört mir jemand zu? Darf ich meine Meinung sagen? Kann ich mich auf Vereinbarungen verlassen? Und nimmt jemand wahr, was ich jeden Tag leiste?
Gute Kommunikation kann schlechte Arbeitsbedingungen nicht ausgleichen. Sie kann aber dazu beitragen, dass Mitarbeitende Vertrauen entwickeln, sich einbringen und gerne Teil des Teams bleiben.
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